ÄSTE IM SCHWARZEN WASSER

Im Hausflur hängen Puzzles. New York bei Nacht. Patrouille Suisse in Staffelformation. Es riecht nach feuchtem Stein. Ich gehe hoch zur dritten Etage, der Türabtreter ist noch immer derselbe. Welcome. Ich drücke die Klinke, es ist abgeschlossen. Meine Hand geht zum Knopf neben der Tür, unwillkürlich. Zwei Stunden lang stand ich hier, den Schulranzen zwischen den Füßen, und habe geklingelt, vergebens geklingelt, denn Mutter lag auf dem Küchenboden, im Erbrochenen. Den Tag darauf bekam ich meinen ersten Schlüssel, festgemacht an einer Kordel, die ich mir um den Hals hängte. Ich ziehe die Hand zurück und krame das Telefon aus der Tasche meines Jacketts. Dann höre ich eine Autotür zuschlagen.

 

Mein Bruder nimmt zwei Stufen aufs Mal. Er keucht, als er oben ankommt.

„Sorry!“, sagt er. „Ich war bei Gasser. Ging etwas länger.“

Ich strecke ihm die Hand entgegen, er umarmt mich. Seine Jacke riecht muffig.

Er schließt die Türe auf und wir betreten die Wohnung. Die Wände sind gelb vom Nikotin. Im Flur hängt der Papagei aus Holz, den ich Mutter geschenkt habe. Laubsägen, zweite Klasse. Tief in die Hand habe ich mich geschnitten, damals. Ich balle die Faust und presse die Finger gegen den Daumen.

 

Während Georg im Wohnzimmer nach Unterlagen sucht, gehe ich in die Küche, öffne den Kühlschrank, stelle Flaschen auf den Tisch, werfe ein Stück Käse in den Müll. Danach lege ich Geschirrtücher in den Kühlschrank und schalte ihn aus.

„Wann kommen die vom Brockenhaus?“, frage ich.

„Am Freitag.“

Ich blicke aus dem Fenster. Die Fläche vor dem Haus ist noch immer unbebaut. Krähen staksen über einen Acker. Der Vierwaldstättersee schimmert im Licht der sinkenden Sonne.

 

Das Badezimmer schimmelt, die Lüftung ist defekt. Georg putzt die Toilette, nimmt den Boden feucht auf. Ich kümmere mich um das Schlafzimmer, mache das Bett. Nur das Gröbste, sagt Georg. Nur so, dass man sich nicht zu schämen braucht. Nach einer Stunde ist es genug. Wir setzen uns an den Küchentisch und sichten die Papiere. Bankauszüge. Versicherungen. Dazwischen zwei vergilbte Fotos von Männern, die wir nicht kennen. Briefe. Wir legen sie zur Seite. Georg sagt, er wolle sie lesen, später.

 

Inzwischen ist es dunkel. Ich mache das Licht an und ziehe die Vorhänge. Georg greift nach einer der Flaschen und mustert das Etikett.

„Gute Idee“, sage ich und hole zwei Gläser aus dem Schrank. Das mit dem Hirsch und das mit dem Reh, von Mutter eingeritzt, als wir noch klein waren. Der Hirsch gehört meinem Bruder, ich schiebe das Glas über den Tisch, und Georg gießt ein.

„Gasser fragt, ob du zur Gemeinde sprichst.“

„Gemeinde?“

„Zu den Leuten halt.“

Ich hebe das Glas, breche die Bewegung ab, trinke einen Schluck. Der Wein sticht in der Nase. „Essig!“, sage ich und stelle das Glas wieder hin.

„Und?“, fragt Georg.

„Was soll ich denen erzählen?“

„Du kannst doch so was.“

„Werbetexte?“

„Ja“, sagt Georg. Er meint es ernst. Wir schweigen. Aus der oberen Etage dringt Musik.

„Du siehst müde aus“, sage ich. Mein Bruder nickt und erzählt vom Gang zum Amt. Dass er stundenlang Mutters Identitätskarte gesucht und schließlich in der Innentasche eines Mantels gefunden habe. Vom Druckfehler im Leidzirkular.

„Lass mich die Kosten übernehmen“, sage ich.

Georg schüttelt den Kopf. „Wir teilen.“

 

Die Bettgestelle sind gegen die Wand gelehnt, die Matratzen weg. Leere Kartons überall. Ein Bügeleisen. Auf einem Regal liegen Plüschtiere, verstaubt. Das Krokodil, das ich an mich drückte, wenn böse Geräusche ins Zimmer drangen. Daneben Georgs Pokale.

Ich ziehe die Tür hinter mir zu und lasse meine Finger über die Bücher gleiten. Geheimnis um eine Efeuvilla. Die Seiten sind voller Flecken. Immer habe ich auf dem Bett gelesen, mit einer Tasse kalter Ovomaltine in der Hand, und dann habe ich mich erschreckt, wenn Georg ins Zimmer gerannt kam.

Ich lege den Band zurück, blättere in Walt Disneys lustigen Taschenbüchern, stecke eines davon ein und verlasse das Zimmer.

„Nichts“, sage ich zu meinem Bruder. „Kann alles weg.“

„Gut.“

„Deine Pokale?“

Georg winkt ab. „Unser Daheim ist voll davon.“

„Céline?“

„Sie gewinnt und gewinnt.“

„Wie alt ist sie inzwischen? Elf?“

„Dreizehn.“

„Schön.“ Ich sehe ihn an. „So sieht ein stolzer Vater aus“, sage ich. Er lächelt und nimmt den Schlüssel vom Haken. Tränen steigen in meine Augen. Ich drehe mich weg, gehe ins Bad und spritze mir Wasser ins Gesicht. Ein kurzer Blick in den Spiegel. Ich rücke meinen Hemdkragen zurecht.

„Lass uns abhauen“, rufe ich.

 

Wir treten ins Freie. Es ist kühl geworden.

„Soll ich dich fahren?“, fragt Georg.

„Ich gehe zu Fuß.“

„Krone?“

„Adler.“

Mein Bruder öffnet die Autotür und sieht zu Boden. „Mein Angebot steht“, sagt er. „Ist ein Schlafsofa. Schön breit.“

„Ich will euch keine Umstände machen.“

„Na schön. Bis morgen.“

„Ja“, sage ich und warte, bis er weggefahren ist. Hinter dem Haus setze ich mich auf die Schaukel und rauche eine Zigarette. Ich neige den Kopf und fühle das kalte Metall der Kette. Einmal habe ich es geschafft, einmal bin ich obendurch geschwungen, stehend.

Ich drücke den Stummel gegen das feuchte Holz. Dann klettere ich über den Zaun, so wie früher, wenn ich zur Schule aufbrach. Ich gehe in die andere Richtung, den Fluss entlang, hinunter zum See. Laternen brennen. Kies unter meinen Füssen. Pfützen. Meine Schuhe werden schmutzig. Kurz vor der Mündung gibt es eine Brücke. Dort stütze ich mich aufs Geländer und blicke nach unten. Äste treiben im schwarzen Wasser. Morgen werde ich eine Rede halten. Drei Anfänge fallen mir ein. Ich verwerfe sie alle.

Literaturpause 50/2018