JOSHUA

Hinter dem Schulhaus gab es einen kleinen Hügel. Dort saßen wir und blickten am Kirchturm vorbei auf die Dieselramme, die unten am See stand und Pfähle in die Erde trieb. Weiße Schwaden stiegen auf, wann immer der Fallblock aufschlug, erst Sekunden später hörten wir den dumpfen Knall. Wir versuchten, im Takt zu rauchen, den die Maschine vorgab. Joshua hatte filterlose Gauloises dabei, schon nach drei Zügen wurde mir übel, aber ich machte weiter, und am Ende musste ich mich übergeben. Lachend legte Joshua die Hand auf meine Schulter.

„Sei mal nicht so empfindlich.“

„Ich hab wenigstens inhaliert“, sagte ich, spuckte aus und wollte ihn in den Schwitzkasten nehmen. Aber da hatte er schon meinen Arm gepackt und so herumgedreht, dass ich mich nicht mehr rühren konnte.

„Gib auf!“, sagte er, ich nickte und setzte mich aufrecht neben den Jungen, mit dem ich gleich am ersten Tag des neuen Schuljahrs den Unterricht schwänzte, um in die Ferne zu blicken und mich erwachsen zu fühlen. Der erste Pfahl war mittlerweile in der Erde verschwunden. Weitere würden folgen, damit man das Dorf vergrößern, die Zahl der Einwohner wachsen lassen konnte. Damals dachten wir nicht in diesen Dimensionen, wir sahen bloß eine weitere Gelegenheit, um Häuser zu entjungfern.

 

Mir gefiel der Ausdruck nicht, aber Joshua, der ihn geprägt hatte, beharrte darauf. Ein Haus entjungfern hieß, in einen Neubau einsteigen, um dort die Nacht zu verbringen und damit als dessen erste Bewohner zu gelten. Wir erkundeten die Gebäude, stiegen die Etagen hoch und erzählten uns dabei Geschichten von verfluchten Orten und einbetonierten Leichen, bis ich es mit der Angst zu tun bekam. Dann setzten wir uns in eine der Wohnungen, machten die Taschenlampe aus und tranken Wodka, den wir bei Edeka gestohlen hatten. Joshua sprach über Nadja und darüber, dass er es geil fände, sie im kurzen Röckchen zu sehen, oder wie er Vera mit Zunge geküsst habe, und danach, wenn wir noch einen hochkriegten, wichsten wir um die Wette, jeder in seiner Ecke. Meistens gewann ich das Duell. Ich wusste nicht, ob ich stolz darauf sein sollte. Ich knöpfte meine Hose zu, während Joshua schnaufte und einen Mädchennamen flüsterte.

„Jetzt bleibt ein Teil von uns auf ewig hier“, sagte er einmal und stieß einen Jubelschrei aus.

 

Ein Jahr zuvor war er mit seinen Eltern hergezogen, aus Hamburg, was bereits reichte, um uns Dorfkinder zu beeindrucken. Am zweiten Schultag stieg er auf ein Pult und teilte uns mit, wer neu neben wem zu sitzen hatte. Er trug Jeans mit aufgedruckter Amerikaflagge und einen schwarzen Pullover, seine Stimme war so tief, dass nur wenige wagten, ihm zu widersprechen. Er selbst setzte sich in die hinterste Reihe, gleich daneben hatte er mich platziert.

„Und?“, flüsterte er mir zu, nachdem der Unterricht begonnen hatte.

„Was, und?“

„Blickst du durch?“

„Was meinst du?“, fragte ich.

„Na, wegen deiner Brille.“

Es war nicht das erste Mal, dass ich wegen der dicken Gläser gehänselt wurde, dennoch lief ich rot an und starrte auf mein Mathebuch, um eine Weile später nach meinem Lineal zu greifen und es senkrecht aufs Pult zu legen, als Grenze und als Zeichen dafür, dass ich mit meinem neuen Banknachbarn nichts zu tun haben wollte.

„War nur ein Witz“, sagte Joshua und nahm das Lineal an sich.

„Gib das wieder her.“

„Nö.“

„Arschloch.“

„Du nennst mich Arschloch?“

„Ja.“

„Respekt.“ Joshua grinste, drückte mir das Lineal in die Hand und nach einer Weile musste ich lachen, so laut, dass der Lehrer uns beinahe rausgeworfen hätte.

So wurde ich sein Freund und trat ins Leben. Hätten meine Eltern gewusst, was wir trieben, wenn wir zusammen unterwegs waren, hätten sie mir den Umgang mit Joshua verboten, doch sie kannten nur seine Höflichkeit, die er ihnen gegenüber an den Tag legte. Als Erstes brachte mir Joshua das Fälschen von Unterschriften bei, danach gab es eine Einführung in guten Musikgeschmack (Iron Maiden: Ja, Europe: Nein), einen Schnellkurs im Klauen und eine Lektion in etwas, was man hätte Aufklärung nennen können. Ich verehrte Joshua und er, ja, ich denke, er mochte mich.

 

***

 

Seither sind Jahre vergangen, und ich habe hunderte von Seiten über Joshua geschrieben, sein Leben entworfen, in dutzenden Versionen. Mich an Dinge erinnert, die er nie getan hat. Habe konstruiert und erfunden. Hier jedoch schreibe ich nur die Wahrheit, zum ersten Mal in meinem Leben. Und die Wahrheit ist schnell erzählt.

 

Die neue Siedlung unten am See stand im Rohbau. Dort, wo zwei Monate zuvor die Ramme gestanden hatte, erhoben sich nun die Außenskelette von Mehrfamilienhäusern, fünf Etagen und höher, mit dunklen Löchern zwischen grauem Beton. Wir wählten ein Gebäude in der Mitte, wo das Licht der Taschenlampe am wenigsten auffallen würde, und stiegen über das Fassadengerüst bis auf das Flachdach. Joshua gab sich gut gelaunt, das Ladenpersonal war an diesem Tag besonders dröge gewesen und wir hatten gleich zweimal Erfolg gehabt, einmal Wodka und als Zugabe eine Flasche Gin, die aussah wie ein Parfumflakon. Als wir oben ankamen, hatte Joshua sie zur Hälfte leergetrunken, er schwankte, und seine Worte klangen, als habe er Kartoffelbrei im Mund.

„Schau mal“, sagte er. „Das musst du dir ansehen.“ Es war bereits ziemlich dunkel, aber am Horizont leuchtete der Himmel dunkelrot. „Als würden Städte brennen.“

„Dort hinten gibt's keine Städte.“

„Egal. Astreine Endzeitstimmung.“ Er legte den Arm um meine Schulter, schlug den Gin gegen die Wodkaflasche, die ich in meiner Hand hielt, und wir schauten zu, wie der rote Streifen dünner und blasser wurde und schließlich ganz verschwand.

 

Wir gingen eine Etage tiefer und setzten uns auf den Boden. Joshua lallte vor sich hin, und ich kicherte nach jedem Unsinn, den er von sich gab, so wie es sonst nur Verliebte tun. Er erzählte, wie er mit Angela, einem Mädchen aus unserer Klasse, rumgemacht hatte, und ich legte die Hände zwischen meine Beine, stellte mir vor, wie er Angela küsste und wo sie ihn anfasste. Ich hätte ihm für immer zuhören können, doch auf einmal erhob er sich und kickte die leere Ginflasche weg, die vor seinen Füssen gelegen hatte.

„Ich geh nach Hause“, sagte er.

„Es ist erst zwölf.“

„Na und?“

„Lass uns hier schlafen, ja? Wozu haben wir Decken mitgebracht?“

„Kannst du machen, mir egal.“

„Ich habe meinen Eltern gesagt, dass ich bei dir übernachte.“

„Dann komm halt mit.“

Ich weiß bis heute nicht, was in Joshua gefahren war.

„Okay“, sagte ich. Dann kickte auch ich die Flasche weg, die vor mir lag, nur um sogleich festzustellen, dass ich in Wahrheit die Taschenlampe getroffen hatte. Wir konnten sie nicht aufschlagen hören, später fand man heraus, dass sie in einen Sandhaufen gefallen war, der vor dem Gebäude lag.

„Idiot“, sagte Joshua. „Gib mir deine Hand.“ Es war verdammt dunkel, und wir wussten, dass wir aufpassen mussten, denn es gab offene Schächte und fehlende Treppen. Wir klammerten uns aneinander und rutschten, ohne die Füße zu heben, hinüber in den nächsten Raum, wo wir Zugang zum Gerüst hatten, vollführten einen grotesken Tanz, betrunken, verängstigt (ich zumindest) und ohne ein Wort zu sagen. Als wir dort waren und das Gerüst schemenhaft erkennen konnten, lockerte Joshua die Umarmung, aber ich wollte nicht, dass er sich von mir löste. Ich zog ihn zu mir heran, roch seinen Atem, roch den Gin, den er getrunken hatte, und küsste ihn auf den Mund.

„Was soll die Scheiße?“

„Sorry.“

„Du Sau!“ Joshua schubste mich weg. Ich machte zwei Schritte rückwärts, dann ging ich wieder zu ihm hin, versetzte ihm einen Stoß, worauf er taumelte, ein krächzendes Geräusch von sich gab, das Gleichgewicht verlor und eine Etage nach unten fiel. Ein mehrere Zentimeter langes Stück Armierungseisen, das senkrecht aus dem Boden ragte, bohrte sich in sein linkes Ohr und weiter in seinen Schädel. Joshua war auf der Stelle tot.

 

***

 

Gestern war ich dort. Als ich die Adresse des Kunden las, zu dem ich fahren sollte, dachte ich nicht weiter darüber nach. Erst als ich in mein Heimatdorf fuhr, in die Siedlung am See einbog, aus dem Auto ausstieg, an der Tür klingelte, wurde mir klar, dass ich die Wohnung betreten würde, in der Joshua vor zwanzig Jahren gestorben war. Ich würde einem Mann, den ich nicht kannte, sagen, wie schön die Wohnung eingerichtet sei, mich mit ihm an einen Tisch setzen und Versicherungsmodelle präsentieren.

Später fuhr ich durch das Dorf, das eine Vorstadt geworden ist, zur Kirche und zum Friedhof. Joshuas Grab wirkte schlicht. Efeu, Silberblatt, es passte so gar nicht zu ihm. Ich sah es zum ersten Mal, denn ich war nicht an der Beerdigung gewesen. Meine Eltern hatten gesagt, ich müsse nicht hin, wenn ich nicht wolle. Man schonte den Jungen, der hatte miterleben müssen, wie sein Freund stolperte und in den Tod stürzte.

 

 

Literarischer Monat 28/2017