SAUHUND

Mein Bruder hatte Geheimnisse. War ich allein zu Hause, durchsuchte ich ab und zu sein Zimmer. Simon war fünfzehn und ich ahnte, dass gewisse Dinge, die er vor unseren Eltern verbarg, bald auch für mich bedeutsam sein würden. Er besass einen gefälschten Ausweis, der ihn für volljährig erklärte. In einem Plastikbeutel, den er hinter der Rückwand des Kleiderschranks versteckt hatte, bewahrte er Gras auf. Rund zwanzig Seiten seines Guinness Buch der Rekorde waren mit Bildern nackter Frauen überklebt. Und eines Tages fand ich in einem Etui zwischen Filzstiften zwei zusammengeknüllte Fünfziger und eine Goldmünze, geprägt im Jahr seiner Geburt.

Am Abend schlenderten wir zum See. Wir hatten einen Fussball dabei, den wir uns gegenseitig zuspielten, und gerade als ich einen schwierigen Pass annehmen wollte, rannte Simon wie ein Pitbull auf mich zu, warf mich auf den Rücken und setzte sich auf meine Brust.

„Was hast du in meinem Zimmer zu suchen?“

„Nichts.“

„Du warst in meinem Zimmer.“ Er scharrte Kieselsteine und Dreck zusammen und liess das Gemisch über mein Gesicht rieseln.

„Nein!“

„Du hast mein Etui durchwühlt.“

Mir wurde klar, dass ich eine Sicherung übersehen, den Reissverschluss in die falsche Stellung gebracht hatte. Ich gestand und erhielt zwei Fausthiebe auf den Oberarm. Noch nie hatte mein Bruder so hart zugeschlagen.

Später sassen wir auf der Aussenmauer des Bootshafens. Der Beton war warm, das Wasser kitzelte unsere Fusssohlen. Ich kniff die feuchten Augen zusammen und rieb meinen schmerzenden Arm.

„Geht’s?“, fragte Simon.

„Ja.“

„Das nächste Mal halte ich mich nicht mehr zurück. Verstanden?“

„Okay.“

Wir schwiegen eine Weile und schauten zu, wie die Sonne hinter dem Pilatus verschwand. Simon hatte zwei vollgeschriebene Blätter dabei. Eine Prüfung, die er an diesem Tag zurückerhalten hatte, und von der er nun Stück für Stück abriss, das Papier zwischen den Fingern zusammenknüllte und ins Wasser warf.

„Wenn du den Alten was erzählst, werde ich dich töten.“

Das sagte er immer. Ich werde dich töten. Mein Bruder setzte die Zerstückelung seiner Prüfung fort. Ich konnte nicht anders. Ich musste ihn fragen.

„Woher hast du die Münze?“

„Geklaut.“

„Echt? Von wem?“

„Das geht dich nichts an.“

„Und das Geld?“, fragte ich. Simon stand auf.

„Gehen wir nach Hause.“

 

Der Sommer war ungewöhnlich heiss. Mutter stellte jeden Morgen einen grossen Krug Eistee auf den Küchentisch und um halb zwei noch einen. Blickte man zum Pilatus, sah man braune Wiesen. Und hinter Tanners Autowerkstatt stank es noch mehr als sonst. Abgestandenes Wasser in Gummireifen, die in der prallen Sonne lagen. Öl in schimmernden Pfützen. Abfall. Tanner sei ein Sauhund, sagte mein Vater und verbot uns, auch nur in die Nähe des Hauses zu kommen, das auf der anderen Seite der Strasse lag. Wir taten es trotzdem. Neben der Werkstatt gab es einen Platz, auf dem man gut Fussball spielen konnte. Drei gegen drei. Mein Bruder, seine Freunde, und ich als Schiedsrichter. Wenn man auf der kleinen Erhebung am Rand des Spielfelds stand, ein idealer Platz, um den Ball einzuwerfen, konnte man unseren Nachbarn erspähen, wie er vor sich hin döste. Mitten am Nachmittag, auf einem Sessel, eine Dose Bier neben sich. War er wach, fürchtete ich mich vor ihm. Er war um die zwei Meter gross, trug einen fleckigen Overall und hätte den Hals eines Zwölfjährigen locker mit einer Hand umfassen können.

„Der ist harmlos“, sagte mein Bruder.

„Eine arme Sau“, ergänzte Döbe, Simons bester Kumpel.

Im Dorf sah man Tanner nie. Nur in der Werkstatt. Mal hatte er geöffnet, mal geschlossen, das liess sich nicht vorhersagen. Tanner sei stinkreich, sagte mein Vater. Der müsse nicht arbeiten. Und wenn man nicht arbeite, dann werde man krank im Kopf.

 

Die Schulferien hatten begonnen. Am zweiten Tag bekamen meine Eltern einen Brief. Darin stand, dass Simon das Schuljahr wiederholen müsse. Mutter hatte den Umschlag ungeöffnet auf dem Stubentisch liegen lassen, bis Vater von der Arbeit kam. Er warf einen kurzen Blick auf das Papier und liess es zu Boden fallen. Daraufhin löste er seinen Gürtel und ging in das Zimmer meines Bruders.

Mutter sass in der Küche und rauchte. Ich hatte den Brief aufgehoben und las ihn wieder und wieder durch. Repetition zwingend. Genereller Zweifel, ob das Gymnasium der richtige Ort für Simon sei. Freundliche Grüsse. Ich las so konzentriert ich konnte, aber ich hörte noch immer die Schreie, die aus Simons Zimmer drangen.

 

Die Hitze liess nicht nach. Wir trafen uns nur noch selten zum Fussball. Meist liefen wir direkt zum See, um schwimmen zu gehen. Danach lagen wir auf unseren Tüchern, Wasserperlen glitzerten auf unseren Armen und wir blinzelten in die Sonne. Jeden Nachmittag verbrachten wir so. Doch am Montag der dritten Woche trocknete sich Simon nach dem Schwimmen ab, band die Haare, die er sich seit einigen Monaten wachsen liess, mit einem Gummiband zusammen und zog sein T-Shirt mit Totenkopfmotiv an.

„Wohin gehst du?“, fragte ich.

„Treff mich mit Kumpels.“

„Die sind doch alle hier.“

„Andere Kumpels.“

„Wer denn?“

„Du gehst mir echt auf den Sack mit deiner Fragerei.“

„Um halb sieben zu Hause!“, rief ich ihm nach. Simon drehte sich nicht um, lässig schlenderte er auf der Teerstrasse zurück ins Dorf, sein schmaler Körper warf kaum Schatten. Von seinem älteren Bruder alleine gelassen zu werden, nicht mitmachen zu dürfen, wobei auch immer, schmerzte weit mehr als der Sonnenbrand, den ich mir in diesen Tagen geholt hatte. Dennoch traute ich mich nicht, ihm zu folgen.

 

Es wurde zehn vor sieben. Simon kam herein, pfiff die Melodie von Alan Parsons’ Eye in the Sky, der aktuellen Nummer eins, und warf die Badesachen in die Ecke seines Zimmers.

„Wo warst du?“, fragte meine Mutter. Wir waren gerade dabei, den Tisch zu decken.

„Weg.“ Simon griff nach dem Krug und goss sich ein Glas Eistee ein.

„Wo?“

„Am See.“

„Lüg mich nicht an!“

„Ich lüge nicht!“

Die Ohrfeige, die Mutter ihm verpasste, war so kräftig, dass Simon das Glas fallen liess. Scherben verteilten sich über den ganzen Küchenboden. Ich erschrak beinahe so heftig wie mein Bruder, denn Mutter hatte uns noch nie geschlagen.

„In dein Zimmer!“, sagte sie zu mir. Ich gehorchte und schloss gut hörbar die Tür, um sie gleich wieder leise zu öffnen.

„Wenn ich dich noch einmal dort sehe, wird dein Vater davon erfahren“, hörte ich Mutter mit gedämpfter Stimme sagen.

„Keine Ahnung, wovon du sprichst.“

„Tanner. Man hat dich gesehen.“ Es entstand eine lange Pause.

„Ich wollte bloss was verkaufen. Einen Scheinwerfer, den ich gefunden habe.“

„Erzähl keine Märchen, Simon. Du gehst nicht mehr dorthin, verstanden?“

„Okay.“ Mein Bruder klang, als müsse er gleich losheulen.

„Und zieh dein T-Shirt richtig herum an. Man sieht die Nähte.“

Meine Neugier erstarb. Ich wollte nicht wissen, was Simon bei Tanner tat. Zwar ahnte ich, was gemeint war, wenn Vater unseren Nachbarn einen Sauhund nannte, aber eine konkrete Vorstellung hatte ich nicht. Ich wollte, dass das so blieb und stellte Simon keine Fragen mehr. So sehr es mich zuvor gekränkt hatte, als er ohne mich loszog, so sehr wollte ich nun nichts mit alldem zu tun haben. Den Rest des Sommers verbrachte ich zu Hause. Meist lag ich auf meinem Bett, las Bücher von Enid Blyton und sehnte den Schulbeginn herbei.

 

Drei Tage bevor es so weit war, sassen wir beim Abendessen und Vater erzählte von der Arbeit. Und dann sagte er, sie hätten Tanner abgeholt.

„Wer?“, fragte meine Mutter.

„Die Polizei.“

„Ah ja?“ Mutter strich Marmelade auf eine Brotscheibe, ein wenig davon tropfte auf den Tisch.

„Haben sie im Büro erzählt.“ Vater öffnete den obersten Knopf seines Hemds. „Ich hoffe, dass sie ihn kastrieren.“

„Theo, bitte.“ Mutter sah ihn an und schielte dann zu mir herüber.

„Nach allem, was man so hört, hat er es verdient. Ich werde mal Büttner fragen.“

„Der ist doch bei der Verkehrspolizei.“

„Und kriegt trotzdem so einiges mit.“

„Darf ich in mein Zimmer?“, fragte Simon. Seine Stimme zitterte.

 

Der erste Schultag war eine Erlösung. Es hatte geregnet, die Luft war klar und tat unseren Lungen gut. Mein Bruder und ich schlenderten gemeinsam nach Hause. Ich erzählte von der neuen Lehrerin, die wir bekommen hatten, und die sehr nett war. Simon schwieg.

Als wir das Gartentor öffneten, sahen wir, dass Vater in der Tür stand und auf uns wartete. Das war ungewöhnlich, denn er arbeitete jeden Tag bis sieben und es war erst kurz nach vier. Sein Gesicht war zu einer Grimasse verzerrt, womöglich, weil er zu lächeln versuchte. Wir zögerten, gingen dann aber doch zum Haus. Da bemerkte ich, dass Vater eine Hand hinter seinem Rücken versteckt hielt und dass er keinen Gürtel trug. Ich hielt meinen Bruder zurück.

„Schon okay“, sagte Simon und ging weiter. Mein Vater packte ihn an den Haaren und als er meinen Bruder ins Haus gezogen hatte, schrie er los.

„Du Sauhund!“

Ich verkroch mich in mein Zimmer, drückte den Kopf ins Kissen und hörte dennoch das Klatschen des Gürtels. Vier. Fünf. Sechs. Hier war normalerweise Schluss. Aber Vater machte weiter. Acht. Neun. Zehn. „Verfluchter Sauhund!“ Ich stand auf und ging zum Zimmer meines Bruders. Sollte ich anklopfen? Da öffnete sich die Tür, Vater stand vor mir und blickte mich mit wässrigen Augen an. Zunächst wollte er mich zurück in den Gang schieben, aber dann liess er seinen Arm sinken. Ich rannte ins Zimmer und Vater schlug die Tür zu. Simon lag auf dem Bauch und wimmerte. Grosse, blutige Striemen kreuzten sich auf seinem Rücken.

 

Die nächsten drei Wochen sass Simon nicht mit uns am Tisch, sondern hatte abends in seinem Zimmer zu bleiben. Mit so einem wolle er nicht im selben Raum sein, sagte mein Vater. Während wir assen, sprach er von der Arbeit und wurde wütend, wenn Mutter nicht an den richtigen Stellen nickte. Nach dem Essen ging ich in Simons Zimmer und brachte ihm einen Teller Kartoffelstock oder zwei, drei Stück Brot mit Salamischeiben. Meist sass Simon auf seinem Bett, mit nacktem Oberkörper, den Rücken zur Wand gedreht. Wir hörten Musik und er erklärte mir, weshalb Pink Floyd wichtiger sei als Led Zeppelin und worin der Unterschied zwischen Heavy Metal und Speed Metal bestehe. Darüber, was geschehen war, sprachen wir nicht.

 

Ich dachte, die neue Regel gelte für immer, doch eines Abends befahl Vater, Simon an den Tisch zu holen. Wir assen schweigend. Mein Bruder starrte auf die Suppe, ich versuchte, nicht zu schlürfen. Vater räusperte sich.

„Ab heute kannst du wieder am Tisch essen.“

„Danke“, sagte Simon. Vater legte sich ein Stück Braten auf den Teller.

„Die Sauce!“ Mutter reichte ihm das silbern schimmernde Gefäss und er grunzte zufrieden.

„Er hat sich erhängt“, sagte er dann.

„Wer?“, fragte Mutter.

„Tanner.“ Vater sah meinem Bruder in die Augen. „Die Sau. Hat seinen Gürtel genommen und sich aufgehängt.“

Nach dem Essen verliess Simon ohne ein Wort zu sagen die Wohnung. Ein paar Minuten später schlich ich mich ebenfalls weg. Ich fand meinen Bruder beim Bootshafen und setzte mich neben ihn. Nachdem wir eine Weile lang die Wellen betrachtet hatten, bemerkte ich, dass er die Goldmünze in der Hand hielt.

„Er hat gestunken“, sagte Simon und gab mir die Münze. Sie war schwer und fühlte sich wertvoll an.

„Tanner?“, fragte ich.

„So aus dem Mund.“ Er nahm die Münze wieder an sich.

„Weshalb bist du zu ihm?“

„Easy money, hat Döbe gemeint. Gehst vorbei, kriegst einen Fünfziger.“

„Wie oft warst du denn dort?“

„Manchmal haben wir einfach nur gequatscht.“ Simon versuchte zu lächeln, seine Augen waren rot und unterhalb seiner Nase glänzte wässriger Schleim.

„Warum hat er sich umgebracht?“

Die Felsen des Pilatus waren in rotes Licht getaucht, ein Mückenschwarm hing über unseren Köpfen. Mein Bruder sah mich lange an.

„Vielleicht ist es besser so.“

„Okay.“ Ich lehnte den Kopf gegen Simons Schulter. Bald darauf wurde es dunkel.

Das Magazin 19/2016